Presse

Jasper Riemann vom Studierendenmagazin UnAufgefordert der Berliner Humboldt-Universität schrieb am 17.12.2013 zu unserer Produktion »Liebesbriefe an Adolf Hitler«:

»Die Briefe beginnen meist mit einem zärtlichen “Lieber Adili…” und enden mit einem treuen “Heil Hitler!”. Ist es Wahn? Paranoia? Liebe? Viele Fragen wirft die [...] szenische Lesung “Liebesbriefe an Adolf Hitler. Briefe in den Tod” auf [...]. Sie bieten Material für ein Theaterstück, in dem die Darstellerinnen [...] die perversen Auswüchse der nationalsozialistischen Ideologie aus ungewohnter Perspektive beleuchten. Es ist die Geschichte von deutschen Frauen aus einfachen Lebenswirklichkeiten, die [...] Liebesbriefe an [...] Adolf Hitler schreiben. [...] An vielen Stellen wird an den Duktus der nationalsozialistischen Lebensweise erinnert: Harte Gesichtsausdrücke, scharfe Befehle und aufrechter Gleichschritt geben einen Eindruck davon, wie das Militär nahezu alle Lebensbereiche durchzog. [...] Dennoch wird die Inszenierung ihrem Ziel letztlich gerecht. Sie provoziert bewusst, ohne dabei zu übertreiben, und regt somit zum Nachdenken an. Die große Frage, was diese Frauen dazu treibt, nächtelang und bis zu körperlichen Schmerzen einen aussichtslosen Kampf mit sich selbst, ihrer Umgebung und ihrem Glauben zu führen, wird ins Licht gerückt und vielfach erörtert. Insbesondere Susana Abdulmajid, Sophie Altmann und Michaela Menda überzeugen und schaffen eine intime Atmosphäre jugendlicher Liebe im ständigen Wechsel mit blinder Unterwerfung. Die Szene, in der Abdulmajid ihre sexuelle Erregung zum Höhepunkt steigert, bildet die dramaturgische Spitze der Inszenierung. Die Selbstbefriedrigung bringt eindrucksvoll auf den Punkt, dass es den Verehrerinnen bei der ganzen Hysterie um Hitler letztlich um sie selbst geht. Alix Dudel und Verena Berger überzeugen mit ihrer Erfahrung und geben dem Stück die nötige Fülle und Tiefe. So entsteht ein stimmiges Gesamtbild, welches [...] Expressivität und Gefühle produziert. Die Grenze zwischen geistiger Verwirrtheit und rationalem Handeln wird bewusst verwischt. Oftmals weiß man als Zuschauer nicht, ob man wirklich mitfühlen soll, wenn Vorstellungen ins Absurde gesteigert werden. Man ist irritiert, wenn der Irrtum und die Verfehlung so offensichtlich sind, stattdessen aber blinde Hingabe jegliches Urteilsvermögen erlahmen lässt. Dass uns dies aus heutiger Sicht so fern und weltfremd vorkommt, sollte uns eine Warnung sein. Politische Ideologien hören beim Privatleben nicht auf. Im Gegenteil: Sie können selbst die Liebe zu Wahn und Paranoia werden lassen – und dabei jegliche Selbstreflexion vernichten.«

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joachim giera schrieb, ebenfalls am 17. dezember 2013 zu unserer produktion »liebesbriefe an adolf hitler« auf www.livekritik.de:

»Acht Frauen sitzen schon vor uns im Halbdunkel des lang gestreckten Theaterraumes, [...] sie schauen versonnen, ja träumend vor sich hin, lächeln mitunter, murmeln zaghaft eine Formulierung, um sie dann sogleich zu notieren. Sie schreiben Briefe. Alle an den einen. An den Geliebten. So nennen sie ihn, sprechen ihn auch mit Namen an oder denken sich einen aus – „Schnurpselchen“. Wir, das Publikum, wissen, wem die Anrede gilt, auch, dass die nun folgenden Briefe keine Hirngespinste sondern echt sind. Eine abstruse Situation. Eine beklemmende Atmosphäre wabert durch den Raum, sie verdichtet sich bis hin zum Ekel, denn unser Hintergrundwissen um den Adressaten können wir nicht ausblenden. Und diesen Umstand macht sich der Regisseur zunutze. Er verzichtet darauf, die Briefe einzeln oder in Gänze vortragen zu lassen. Er „ästhetisiert“ sie sozusagen, wandelt sie ins Absurde, [...] macht so individuelle Verirrung und Verwirrung hörbar, [...] das schließlich den Schrecken und das Grauen gebar. Die Verfasserrinnen und ihre Liebesbriefe „an den Führer“ – nur die krankhafte Spitze eines Eisberges? Der Regisseur zerlegt die Sätze, die Schreibenden wispern und flüstern deren Teile flehentlich, (in-)brünstig, schreien sie aus sich heraus, kreischen, um sofort einen leisen, bittenden, später enttäuschten Ton anzuschließen. Es folgen chorische Wiederholungen, erneute Auflösungen oder Vertiefungen in einen längeren Abschnitt. Hier wird dann deutlich, dass die Verfasserinnen nicht eines, vielleicht „nur“ krankhaften (Zu-)Standes sind, der allgemeine Wahn ergreift alle gesellschaftlichen Schichten. Schleimige Unterwürfigkeit, fragenlose Ergebenheit, blinde Euphorie formen sich zum Grundton aller Texte. Die Goebbel´sche Propagandamaschine hat ganze Arbeit geleistet. „Führer, wir folgen dir!“ Die Mitläufer des Naziregimes – hier die Mitläuferinnen – nicht hart an der Grenze, sondern einen Schritt weiter. Eine Selbstentblößung findet statt, zwar immer nur unter diesem „amourösen“ Aspekt, der generelle Verallgemeinerungen nicht gestattet, aber dennoch bestimmte Rückschlüsse nahe legt, zumindest Anstöße zum eigenen Nachdenken provoziert. Die Regie flankiert ihre Absicht dezent, aber unüberhörbar, indem sie Original-Tondokumente einspielt [...]. Auch kommen die Ufa-seligen Schnulzen einer Zarah Leander zur Geltung, jedoch im umgekehrten Sinne. Hervorragend wie die Schauspielerin mit Chopin-Attitüde „Ich weiß, es wird einmal ein wunder geschehn“ am Klavier intoniert. Da muss man schon genau hinhören. Die metallisch harte und klare Stimme ihrer Kollegin bei „Nur nicht aus Liebe weinen“ macht Frösteln. Ebenso, wenn sich alle Frauen den leeren „Sitz des Führers“ anhimmelnd einfinden und – ganz nebenbei – ihre Eifersüchteleien austragen bzw. wenn sie sich zum „Gruppenbild mit Führer“ vereinen [...]. Für die Schauspielerinnen bestand die Herausforderung [...] nicht in der Einfühlung in den jeweiligen Text oder dessen jeweilige Verfasserin, sondern in der nicht nachlassenden Konzentration auf den Text. Nicht falsche Gefühle nachstellen, sie vielmehr ausstellen, demaskieren. Um die Spannung zu halten, nämlich dass alle mit allen – obwohl einander unbekannt – verbunden sind. Eine verhängnisvolle Liaison. Und ein furchtbares Ende im Mai 1945. Die Verse des Dichters Hoffmann von Fallersleben und die Musik des Komponisten Haydn ertragen wir seither nur noch dudelnd. Auch hier – am Ende dieser gelungenen Inszenierung in der „Brotfabrik“.«

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das hamburger abendblatt schrieb am 30. november 2012 zur hamburg-premiere von »urmozart@amadeus_total.kind.de«:

»Mozart als gebeutelter Superstar – Hätte die Regisseurin Nina Kupczyk ihrer bemerkenswert dicht gearbeiteten Theaterfantasie über Mozart im Zeitalter der Castingshows denselben Titel gegeben wie bei der Uraufführung vor zwei Wochen in Frankfurt, nämlich “Amadeus Superstar” – dann wäre die Hamburger Premiere von “UrMozart@Amadeus_TOTAL.Kind.de” [...] im Monsun Theater gewiss ausverkauft gewesen. So blieben viele Plätze leer, was sich bei den verbleibenden Vorstellungen [...] wahrscheinlich ändern wird. Denn Kupczyk belädt ihre Vision zwar mit viel [...] schwer verdaulichem Text und fordert ihren sechs Akteuren kräftezehrendes Spiel ab. Aber die Intensität ihres Denkens und des Geschehens auf der Bühne nötigt gleichermaßen Respekt ab und gibt dem eigenen Nachdenken gute Nahrung. Reichlich Metaebene steckt in dem Stück, das das geniale Kind in drei Verkörperungen zeigt, dazu den zwischen Zuchtmeister und Sohnesvergötterer oszillierenden Vater Leopold, die seelenwunde Schwester Nannerl und, als teuflischer Medien-Zampano agierend, den Kirchenmann und Impresario Colloredo. Hingehen, lohnt sich.«

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jens momsen von PankowTV meinte zu unserer ersten berlin-produktion »sex lügen & märchen« (2012):

» [...] Die Geschichte, die bei Schnitzler im Wien des Fin de siècle [...] spielt, wird von der Regie von Sascha Weipert und Mirijam Verena Micci in das Berlin des Jahres 2011 transponiert. Daraus ergeben sich neue Spielräume – [...]. Die Regie bleibt textlich nah am Original und nutzt dies geschickt aus, um eigene aktuelle Texteinschübe einzufügen, die zum Verständnis der gesellschaftlichen Zustände notwendig sind. [...] Dies ist die Stärke der Inszenierung, die auf die aktuellen Verhältnisse in dieser Stadt Bezug nimmt. [...]  Mit dem Aufstieg auf der gesellschaftlichen Leiter der Protagonisten verändert sich auch deren Sprache. Der Poet steht stellvertretend für eine Dekadenz, die sich in der markigen Aussprache im Stil des “Führers” manifestiert. Eine der Stärken der Inszenierung ist diese Szene. [...] Die Reichen bleiben unter sich. [...] Aus diesem Blickwinkel betrachtet hat dieses Stück seine Relevanz für die Gegenwart behalten. Empfehlenswert!«

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